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Geschichten vom Bocksbeutel
Die Form - Eintauchen in die Ablagerung der Geschichte
Es wurde schon viel geschrieben über das Dingsymbol des Frankenweins. Bis heute ist jedoch noch nicht ganz geklärt, wo diese eigenartig geformte Flasche und der
Name ihren Ursprung haben. Die Rede ist vom Bocksbeutel, der unverkennbaren
Flasche mit dem etwas anzüglichen Namen.
Bekannt ist er in aller Welt, zumindest in der von Weinliebhabern. Die
originelle Flasche ist schon seit gut einem viertel Jahrtausend das Behältnis
schlechthin für edlen Frankenwein. Die Ursprünge dieser Flaschenform liegen
allerdings nicht im Land der Franken, sondern im Dunkel der Geschichte. Behälter
mit ähnlicher Form werden und wurden schon seit einigen Jahrtausenden in den
verschiedensten Kulturkreisen dieser Welt verwendet. Gefäße in Bocksbeutelform,
ob aus Ton, Holz, Leder oder Glas gefertigt, waren in der Vergangenheit sehr
populär und dienten als Feld und Pilgerflaschen. Die ursprüngliche Kugelflasche
wurde dabei der leichteren Handhabbarkeit wegen abgeflacht und oft mit einem
oder zwei Henkeln versehen.
Allerdings wurde ausgerechnet in Franken eine der ältesten Flachkugelflaschen
überhaupt gefunden. Dieser keltische Urahn des Bocksbeutels wurde bei
Wenigumstadt, einer kleinen fränkischen Stadt ausgegraben und ist heute im
Mainfränkischen Museum in Würzburg zu sehen. Das kleine, kugelige Tongefäß wird
auf ungefähr 1400 v. Chr. datiert. Nur soviel vorweg zu der gar nicht so selten
Form unseres Frankenbocksbeutels.
Der Name - vulgär oder althochdeutsch?
Kommen wir zur Deutung des Namens. Die einfachste und wohl auch stimmigste
Erklärung ist folgende: Er sieht aus wie der Hodensack eines Bockes und heißt
demzufolge Bocksbeutel. So zumindest Volkesmund.
Für Menschen denen diese Erklärung nicht einleuchtet, hier noch einige andere
Deutungen. Höchstwahrscheinlich wurde versucht, dem allzu trivialen und vulgären
Beutel des Bockes auszuweichen. Die erste führt zurück in die Zeit der frühen
Klostergründungen in Franken. Eine Geschichte besagt, dass die Benediktinerinnen
von Ochsenfurt und Kitzingen bereits im 7. Jahrhundert Wein anbauten. Weiterhin
aber auch, dass sie anstatt heiliger Schriften, den Heiligen Geist in Form von
Wein in ihren "Booksbüdeln" (Buchbeuteln) mit sich trugen.
Ein anderer Deutungsversuch meint den Bocksbeutel im Althochdeutschen
"Buggesbüdel" (Bugges = Buchsbaum, einem Behältnis aus Buchsbaumholz also)
wieder zu finden. Gelegentlich wurde der Bocksbeutel auch vom "Bugsbeutel"
abgeleitet. Einer Tragflasche, die an einem Gurt am Bug befestigt wurde.
Nachdem aber abgesehen vom Beutel auch der Bock als Ganzes schon seit Urzeiten
im Zusammenhang mit dem Wein in Erscheinung tritt, ist die volkstümliche
Erklärung des Bocksbeutels immer noch die wahrscheinlichste. Schon in der Antike
wurde der Weingott Dionysos mit einem Bock als Begleittier dargestellt. Ab und
an tritt er sogar selbst in Bocksgestalt auf, um seine wilde Triebhaftigkeit
(natürlich nur im Rausch) zum Ausdruck zu bringen.
Andere Böcke
Auch im Sprachschatz der Winzer und Kellermeister findet sich der Bock immer
wieder. So wird ein unangenehmer Felton (Bocksgeruch) im Wein als Böckser
bezeichnet und die jungen Schösslinge der Weinrebe als Bockstriebe.
Weiterhin führen viele Weinlagen den Ziegenbock ebenso in ihren Namen: z. B.
finden wir einen "Bocksberg" ebenso wie einen "Bockskopf" und einen
"Bocksteiner". Damit aber noch nicht genug. Der Dunstkreis des Weines strotzt
nur so vor Böcken. Noch im 18. Jahrhundert gab es Traubensorten die wegen ihrer
prallen Form "Hammelhoden" und "Bocksbeutel" hießen. Von so vielen Böcken im
Volkesmund bis zum Bocksbeutel ist es also nicht besonders weit.
Die Franken und ihre Geschichte vom Bocksbeutel
Widmen wir uns jetzt der innigen Beziehung zwischen Frankenwein und Bocksbeutel.
Diese Liaison steht in einem engen Zusammenhang mit den großen Weingütern und
den Räten der Stadt Würzburg. Genaue Daten, seit wann Frankenwein in gläserne
Bocksbeutel gefüllt wird, fehlen. Wie so vieles gingen auch viele Aufzeichnungen
dahingehend im letzten Krieg in Flammen auf. Urkundlich belegt ist, dass im
Jahre des Herren 1728 die Räte der Stadt Würzburg verfügten, die besten Weine
des Bürgerspitals in Bocksbeutel zu füllen. Diese Bocksbeutel sollten zum
Zeichen ihrer Echtheit mit dem Stadtwappen "verpetschiert" (versiegelt) werden.
Das geschah zum Schutz des "Steinweins", also der hervorragenden Gewächse aus
der Weinlage Würzburger Stein. Dieser war scheinbar schon damals bis weit über
die Grenzen Frankens hinaus für seine Qualität berühmt. Wen wundert es also,
dass findige Zeitgenossen sich diesen Werbe- und Qualitätsvorsprung der
Würzburger "Spitäler" zu Eigen machten. Für ihre nicht ganz sauberen
Weingeschäfte missbrauchten sie den Bocksbeutel und den Namen des Steinweins.
Ein früher Fall von Produktpiraterie also. Schlauerweise verkauften sie
minderwertigen Wein unter den Namen "Steinwein" zu Preise, als ob es tatsächlich
einer wäre. Um nun diesen Herrschaften etwas Essig in den Wein zu gießen, wurde
von den Stadtvätern das Verpetschieren in die Wege geleitet.
Zunächst war der Bocksbeutel mit dem Schultersiegel also ein Markenzeichen für
"Steinwein". Es wird jedoch angenommen, dass sich bis Ende des 18. Jahrhunderts
der Bocksbeutel (ohne das Schultersiegel der Spitäler) in Franken allgemein als
Flasche für den Frankenwein durchgesetzt hatte.
Heute ist der Bocksbeutel, Dank der Sturheit der fränkischen Winzer und ihrer
Funktionäre, ein europaweit geschütztes Markenzeichen für Qualitäts- und
Prädikatsweine aus Franken. Zwar wurde in der Vergangenheit immer wieder
versucht, diverse Alkoholika im Frankenbocksbeutel zu verkaufen (Liköre,
Schnäpse und außerfränkische Weine aller Art), doch endeten diese Versuche bis
heute immer wieder vor einem Gericht in Europa.
Die Franken und ihre Zukunft mit dem Bocksbeutel
Heute stecken nicht nur die fränkischen Winzer in einer finanziell schwierigen
Situation. Die Konkurrenzsituation auf dem Weinmarkt hat sich durch die
zunehmende Internationalisierung extrem verschärft. Viele fränkische Winzer,
deren Weine sich lange Zeit ohne Marketing verkauften, haben es einfach
verschlafen auf die neue Marktsituation angemessen zu reagieren. Bei hektischen
Versuchen Marktanteile Zurückzugewinnen, werden und wurden qualitativ schlechte
Weine in Bocksbeutel abgefüllt und zu Billigstpreisen über den
Lebensmitteleinzelhandel auf den Markt geworfen.
Auch meinten und meinen viele Winzer und Marketingfachleute dass das Image des
Frankenweines durch den Bocksbeutel sehr altbacken erscheint. Daher wurde eine
Zeit lang die Abkehr vom Bocksbeutel hin zu trendigeren, sprich internationalen
Flaschenformen propagiert. Genützt hat das natürlich aus vielerlei Gründen nicht
sehr viel.
Einen ruinierten Ruf zu renovieren ist eben ein schweres Unterfangen. Ganz
besonders wenn, wie es wohl nicht nur in Franken üblich ist, viele Parteien
gegeneinander, anstatt miteinander arbeiten. Anstatt den einzigartigen
Marketingvorteil durch den Bocksbeutel gegenüber anderen Weinbauregionen zu
erkennen und zu nutzen, wurde durch viele unintelligente isolierte Aktionen die
Lage eher verschlimmert, als verbessert.
Der fränkische Weinbau befindet sich immer noch in einer tiefen Depression,
obwohl die Qualitäten in den letzten Jahren kontinuierlich besser wurden. Nur
weiß das fast niemand. Ein gesamtheimliches Werbekonzept, das ein qualitativ
hochwertiges Image des Frankenweines insgesamt bis zu den Konsumenten
transportiert ist bis heute nicht zu erkennen. Warten wir also gespannt auf die
Renaissance dieser altehrwürdigen Flaschenform, über deren Inhalt schon Johann
Wolfgang von Goethe in höchsten Tönen schwärmte.
Ein praktischer Aspekt als Marketingargument für den Bocksbeutel
Stellen sie sich kurz vor, dass sie mit einer ganz normalen Flasche Wein an
einem abschüssigen Gelände sitzen. Sie schenken sich ein Glas voll und stellen
die Flasche am Boden ab. Versehentlich stoßen sie die Flasche um und sie rollt
den Abhang hinab bis zum Fuß des Hügels.
Mit einem Bocksbeutel kann das nicht passieren.
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